Ballschule – Umspiel dein Handicap

 

Die „Ballschule umspiel dein Handicap“ wurde von 2006 bis 2009 in allen Schulen für Körperbehinderte im Regierungsbezirk Nordbaden durchgeführt. Die Leitung dieses Dissertationsprojekts hatte Dr. Karina Essig. Ziel war die Konzeption und Evaluation eines ressourcenorientierten, sportspielübergreifenden Bewegungsprogramms für Kinder mit körperlichen Behinderungen. Der Ausgangspunkt für diese Untersuchung war, dass verschiedene Körperbehinderungen zu Bewegungsmangel und eingeschränkten Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen führen können (BzgA, 1998; Houwen et al., 2007; Leyendecker, 2005; Wellmitz, 2006; Wellmitz & von Pawel, 1993). Neben sekundären Auswirkungen auf die körperliche Fitness und Gesundheit kann eine Körperbehinderung mangelnde Funktionalität, Aktivität und Teilhabe sowie negative Auswirkungen auf das Selbst- und Körperkonzept verursachen (Damiano, 2006; Damiano et al., 2009; Fernhall & Unnithan, 2002; Fowler et al., 2007; Murphy et al., 2008; Rimmer & Rowland, 2008).

Es galt zu untersuchen, ob und inwieweit diese Ausgangssituation durch die ressourcenorientierte, sportspielübergreifende Intervention „Ballschule umspiel dein Handicap“ in eine neue, positive Richtung gelenkt werden könnte. Die Evaluation der Effekte auf die Entwicklung von körperbehinderten Kindern konzentrierte sich dabei auf den motorischen und den psychosozialen Bereich.

An dem Projekt nahmen über 80 Kinder mit körperlichen Behinderungen im Altern von 7-11 Jahren teil. Als Grundlage für die sportartübergreifende Intervention diente das langjährig erprobte Konzept der Ballschule Heidelberg (Kröger & Roth, 2005; Roth & Kröger, 2011), das auf die speziellen Bedürfnisse körperbehinderter Kinder abgestimmt wurde. Ziel der „Ballschule – umspiel dein Handicap“ war die gemeinsame Förderung von Kindern aller Behinderungsarten und somit die Anwendbarkeit auf sehr heterogene Gruppen. Ressourcenorientierung und Ausbau der Stärken standen in den Übungsstunden im Vordergrund. Die sporttherapeutische Intervention konkurrierte nicht mit der Physiotherapie. Sie wurde zusätzlich zum individuellen Therapieplan der Kinder angeboten.

Die sportartübergreifenden Spiel- und Übungsformen boten die Möglichkeit der Förderung von Kindern mit verschiedenen Behinderungsarten sowie ein breiteres Spektrum an Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen. Bei der heterogenen Gruppe körperbehinderter Kinder war eine individuell abgestimmte Vorgehensweise bei der Therapie nötig und erwünscht.

Im Mittelpunkt standen spezielle Vereinfachungs- und Adaptationsstrategien. Die Grundregeln dieser Strategien waren standardisiert, ihre Anwendung wurde je nach Gruppenzusammensetzung in Abhängigkeit von den Behinderungsarten, Fähigkeiten und Bedürfnissen der Kinder variiert. Die Kreativität der Übungsleiter und eine Flexibilität der Hilfsmittel waren wichtige Grundlagen des Interventionsprogramms.

Durch unterschiedliche Vereinfachungsstrategien wurde der Schwierigkeitsgrad vieler Übungen reduziert. Eine ausgesprochen geeignete Stellgröße für den Schwierigkeitsgrad waren die Druckbedingungen. Einige Sonder- oder Zusatzregeln waren nötig. Die individuelle Bezugsnormorientierung diente als Grundlage für positive Erfahrungen in einem unterstützenden Umfeld.

Kontraindikationen sind immer wieder Streitpunkt, wenn es um die Eignung verschiedener sportlicher Betätigungen bei unterschiedlichen körperlichen Behinderungen geht (Hachmeister, 2006; Haupt 2011; Jansen, 1983; Schoo, 1999). Diese Problematik ist bekannt und wurde dadurch kontrolliert, dass bei den jeweiligen Interventionsstunden auch Physiotherapeuten und Lehrer mit dabei waren, welche die teilnehmenden Kinder und ihre individuellen Behinderungsformen und Bedürfnisse sehr gut kannten. Durch diese enge interdisziplinäre Zusammenarbeit konnten die Spiel- und Übungsformen individuell noch besser angepasst werden, um eine Überforderung und mögliche negative oder schädliche Auswirkungen durch inadäquate Anforderungen zu verhindern.

Die hohe Anzahl an Lehrpersonal (3-6 Übungsleiter) gewährleistete eine individuelle Förderung je nach Behinderungsart und Leistungsniveau und ermöglichte dadurch mehr Erfolgserlebnisse und einen gezielten Kompetenzausbau. In Kleingruppenarbeit konnten Homogenität und Übungsintensität erhöht werden. Ein Hauptaugenmerk lag in der Erprobung individueller und alternativer Handlungsmuster und der Erarbeitung verschiedener Lösungswege für eine Bewegungsaufgabe. Für die körperbehinderten Kinder bot der Zugang des impliziten Lernens eine große Chance, in ihrer Individualität verschiedene Strategien zur koordinativen Anforderungsbewältigung spielerisch zu erwerben.

Die Evaluation des Projektes ergab positive Effekte auf die körperliche und psychosoziale Entwicklung der teilnehmenden Kinder mit körperlichen Behinderungen. Dadurch konnte gezeigt werden, wie wichtig Sport und Bewegung für Kinder mit körperlichen Behinderungen sind. Es ist deutlich geworden, dass speziell auch Ballspiele für diese Zielgruppe geeignet sind und sich positiv auf die Entwicklungen körperbehinderter Kinder auswirken.

Das Projekt ist abgeschlossen. Ausführlichere Informationen zum Theoretischen Hintergrund, der Konzeption und die Evaluationsergebnisse sowie die hier genannten Literaturangaben finden Sie in der Dissertationsschrift von Dr. Karina Essig.